Botswana – staubig und widersprüchlich

Vlou ist völlig ausser sich. Offensichtlich ist er verliebt und hat nur noch Hündinnen im Kopf. Er will wieder zurück zu Keith mit seinen vielen Hundefreundinnen. Ausserdem ist er nervös, da er spürt, dass wir aufbrechen werden. Alles, wirklich alles ist voller Staub im Wohnwagen und am Auto. Der Land Rover sieht aus, als wären wir dem Treibsand entstiegen. Unser Wäschekorb ist mehr als voll, sodass vor Abfahrt eine Grosswäsche ansteht. Wir hatten in Maun einen grossen, zinnernen Wäschezuber von einem Strassenhändler gekauft, da die Wäscherei bei regelmässigem Gebrauch zu teuer wird und auch immer einiges an Wäsche aus unersichtlichen Gründen verschwindet.

Wir hatten beschlossen, die sicherere Route mitten durch Botswana nach Kasane über Nata zu wählen, auf welcher gemäss meinen Südafrikanischen Zeltnachbarn die Strasse in gutem Zustand sein sollte. Die Route westlich entlang des Okavango Deltas über Shakawe und den Bohembo Border Post nach Namibia reizte uns, aber damit hätten wir möglicherweise den Caprivi Wildpark durchqueren und weitere Grenzen mit Vlou und damit verbunden mögliche Schwierigkeiten und Gebühren überwinden müssen. Früh morgens brechen wir auf, wobei Vlou grosse Überwindung braucht ins Auto zu steigen. Die Strasse geht unendlich geradeaus. Zahlreiche Esel, Ziegen und Rinder grasen frei entlang der Strasse. Die Landschaft Botswanas ausserhalb des Deltas ist trocken und karg – weitgehend übergrast. Schon bald brennt die Sonne unbarmherzig auf die staubige Ebene nieder und die Tiere sind immer ausgemergelter, je weiter wir uns vom Wasser des Deltas entfernten. Nur vereinzelt zeugen kleine Siedlungen mit strohbedeckten Lehmhütten von Menschen, die in dieser Gegend wohnen.

Wir fahren nördlich des Makgadikgadi Pans Game Reserve und südlich des Nxai Pan National Park entlang. Bei starkem Regen bilden sich im Sommer ab Oktober grosse Wasserreservoirs wobei die Pflanzen sofort zu spriessen beginnen und die Tiere sich von der langen Hungerperiode erholen. Im jetzigen Winter ist es uns ein Rätsel wie die Wildtiere überleben. In Gweta füllen wir den Tank auf, wobei ein paar ausgehungerte, streunende Hunde sich nicht aus dem Weg begeben wollen. Sie sind zu ausgemergelt, sich auch nur wenige Meter zu bewegen. Ein Touristenbus mit deutschen Touristen hält ebenfalls an und beobachtet die Tiere bemitleidend. Ein Hund hinkt stark und hat eine deformierte Pfote. Schweren Herzens fahren wir weiter.

In Nata biegen wir von unserem ursprünglichen Kurs Richtung Osten nach Norden ab und fahren am erst möglichen Campingplatz vorbei. Es ist noch früh und die staubige Gegend sagt uns nicht zu. Auf der Karte ist diese Gegend teilweise grün und weiter nördlich mit dem Namen Sibuyu Forest markiert. Dies ist allerdings irreführend, da es sich nur um ausgetrocknete Mopani-Sträucher handelt. Von Zeit zu Zeit sehen wir Elefanten Dung und bald auch ab und an einen Elefanten. Westlich liegt der Chobe National Park mit einer in Afrika vergleichbar höchsten Konzentration an 150’000 Elefanten auf 11’700 km2. Unweit östlich von hier befindet sich die Grenze zu Zimbabwe mit dem Hwange National Park auf 14,651 km2. Die Elefantenpopulation übersteigt auch hier die allgemeinen Empfehlungen. Dazwischen liegt ein Jagdgebiet. Die hohe Konzentration an Elefanten führt dazu, dass kaum ein Baum unbeschadet überlebt und sich nur noch Büsche entwickeln können. Eine der grössten Herausforderungen Botswanas ist die Desertation der Landschaft.

Die Strecke nach Kasane ist eben und gerade, jedoch sind kilometerweite Baustellen mit unebenen, staubigen provisorischen Umfahrungen ermüdend. Doch endlich erreichen wir kurz vor Kasane unseren Campingplatz Toro Lodge am Chobe River. Bereits beim Eingang zeugt zahlreicher Elefantendung, ein friedlich dösender Elefant direkt an der Auffahrt sowie unzählige abgebrochene Äste und umgestossene Zäune von regelmässigem Besuch der grauen Riesen. Der Campingplatz ist in Ordnung, wenn auch nicht direkt mit Sicht auf den Fluss. Allerdings wird auch hier kaum etwas unterhalten und Unordnung nur mit provisorischem Sichtschutz abgegrenzt, was leider fast überall in Botswana so gehandhabt wird. Die Nacht ist unruhig und ich höre draussen die Nachtwächter wie sie mit Pfannendeckeln und lautem Rufen Elefanten zu verscheuchen versuchen. Offensichtlich sind sie nicht sehr erfolgreich – wir entdecken die Elefantenspur am nächsten Morgen direkt neben unserem Wohnwagen. Auch die zweite Nacht besucht uns ein Elefant im Camp. Als Marcelle nachts zur Toilette will hört sie Äste knacken. Sie greift zur Taschenlampe und direkt – nur zwanzig Meter von ihr entfernt – steht ein Elefant im Camp direkt in der Abgrenzung mit dem Sichtschutz wobei er diesen mit Leichtigkeit niedergedrückt hat. Er lässt sich nicht durch sie stören und so hören wir ihn friedlich kauen bis wir wieder einschlafen.

Kasane selbst ist eine lebhafte kleine Grenzstadt direkt am Chobe River. Einst waren hier die Bäume sicher zahlreich und hoch, aber auch hier haben die Elefanten ihren Tribut gefordert. Wir wundern uns, dass in Botswana so vieles einfach dem Schicksal überlassen und die Natur unwiderruflich zerstört wird. Aufgrund der Touristenbroschüren hatten wir den Eindruck einer Umwelt, welche durch Einschränkung der Touristenströme mit künstlich angehobenen Preisen geschützt wird. Auch die verschiedenen Zäune, die die Wildtiere von den domestizierten Tieren schützen sollten, sind zum grossen Teil meist durch Elefanten niedergedrückt oder möglicherweise auch durch die lokale Bevölkerung, um zu nahrungsreicheren Gebieten für ihre domestizierten Tiere zu gelangen. Die vielen Kontrollposten auf den Strassen (Buffalo Fences), wo man zum Teil sämtliche Schuhe und die Autoreifen desinfizieren muss, können aufgrund der schlecht unterhaltenen Zäune nicht effektiv sein.

Botswana ist seit 1966 unabhängig und war frei von Kriegen. Alle Wahlen seit der Unabhängigkeit gelten als frei und fair und es besteht ein Mehrparteiensystem. Die Einwohnerzahl beträgt nur rund zwei Millionen bei einer Landesgrösse vergleichbar mit Frankreich. Damit ist es eines der am geringsten bevölkerten Länder der Welt. Die Entwicklung seit der Unabhängigkeit ist beispielhaft innerhalb Afrika, vor allem wegen der Diamantenminen. Obwohl Botswana über Jahrzehnte eindrückliche Wachstumszahlen aufwies und über das viert höchste pro Kopf Einkommen pro Einwohner in Afrika verfügte, ist kaum eine Entwicklung auf dem Lande ersichtlich. Immer noch gibt es kaum Infrastruktur wie Wasser oder Elektrizität in den Dörfern. Das Wasser wird in abgelegenen Dörfern oft täglich von Hand geschöpft und kilometerweit ins Dorf getragen. Weder Elektrizität noch Abwassersysteme sind dort vorhanden. Rund ein Viertel der Bevölkerung ist HIV infiziert.

Wir glauben, dass sich die Wahrnehmungen von Touristen, welche das Okavango Delta mit dem Flugzeug besuchen und den Komfort von luxuriösen Lodges mit dem Schwerpunkt der Wildtierbeobachtung geniessen durchwegs von unserer unterscheiden kann. Durch Vlou und einem beschränkten Budget wählten wir weitgehend Campingplätze am Rande – nicht in Nationalparks – und verpflegten uns selbst. Dies ist einerseits schade, da wir dadurch nicht so viele Nächte in den Parks verbringen können, andererseits wären wir in den Parks in einer touristisch abgeschlossenen Enklave und hätten dadurch nur geringen Kontakt zur lokalen Bevölkerung. Die Gespräche mit Gärtnern, Sicherheitsleuten, Laden- oder Restaurant Inhabern, dem Strassenverkäufer und vielen mehr, geben ein eindrückliches Bild eines widersprüchlichen Landes.

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Author: Marcelle Simone Heller

I'm searching for natural beauty and wilderness, while I'm travelling relentlessly to find delightful places and encounters with wildlife. I try to capture the thrill of the moments in photography and words, hoping to inspire others with the love for animals and nature.

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