Sambia – Schatten in der Nacht

Die Strasse nach South Luangwa Nationalpark bedeutet, dass sechzig Kilometer ungeteerter Strasse mit dem Wohnwagen überwindet werden muss. Wir übernachten nach der Grenze zu Sambia in Chipata in der Mama-Rula Lodge und benutzen die Gelegenheit, uns nach dem Zustand der Strasse zu erkunden. Es sollte machbar sein und so entscheiden wir uns für die Fahrt zum schönsten Park Sambias. Wir brechen früh morgens auf, um möglichst lange von der kühlen Morgenluft zu profitieren. Die Hälfte der Strecke ist frisch geteert und führt über leicht hügeliges Gelände. Traditionelle Dörfer mit grasbedeckten Rundhütten säumen die Strasse beidseitig. Bald jedoch geht die Strasse über in eine Holperpiste, welche entlang der noch unfertigen Strasse führt. Ich fahre im Schritttempo, um den Wohnwagen weit möglichst zu schonen. Menschen verfolgen unser Gespann neugierig, da sie vermutlich selten oder noch nie ein Haus auf Rädern gesehen haben. Touristen benutzen die Strasse nach South Luangwa hauptsächlich mit ihren 4×4 Fahrzeugen und mit Dachzelt ausgerüstet. Zusätzlich fahren grosse Safari-Touristenbusse nach Norden zum Park, wobei diese die Gegend durch ihr atemberaubendes Tempo in eine riesige Staubwolke einnebeln. Die Piste ist hart und verschiedentlich rütteln Bodenwellen den Wohnwagen heftig durch. Wir haben vorsorglich die Schranktüren im Wohnwagen mit Klebeband gesichert und deren Inhalt sorgfältig ausgepolstert. Doch dieser Anforderung ist unser nur für gepflasterte Strassen gebauter Wohnwagen wohl nicht gewachsen. Ein rhythmisches Klopfen lässt uns an den Wegrand fahren, um den Schaden zu schätzen. Uhhh, tief einatmen … ein Reispacket ist aufgeplatzt und der Inhalt ist über den ganzen Boden zerstreut. Vier Türscharniere haben der Vibration nicht standgehalten und die Türen türmen sich übereinander am Boden. Die Kühlschranktüre ist aus der Sicherung herausgesprungen und er verschiebt sich gesamthaft gegen Mitte Wohnwagen. Wir befestigen das Nötigste und machen uns etwas beunruhigt auf zur Bewältigung des letzten Strassenabschnittes. Zum Glück ist das letzte Stück der Strecke wieder geteert – welche Erleichterung!

Kurz vor dem Eingang zum South Luangwa Nationalpark zeigen verschiedene Hinweisschilder Unterkünfte entlang des Luangwa Flusses an. Der Nationalpark liegt gegenüber. Da keine Umzäunung die natürliche Wanderung der Wildtiere eingrenzt, sind diese beidseitig des Flusses anzutreffen. Wir biegen nach einer ruppigen Einfahrt auf den Campingplatz der Crocodile River Lodge ein und parken unseren Wohnwagen mit direkter Aussicht auf den Luangwa River. Welche Erleichterung – wir haben’s geschafft! Vlou wird hier nicht frei herumstreunen können, weil er als leichte Beute für Leoparden, Hyänen und sogar für Paviane gilt. Der Besitzer hat ebenfalls einen Hund – einen lustigen Dackel, welcher den Platz regelmässig eigenständig inspiziert. Solange der Hund nachts drinnen ist und am Tag keine Paviane jagt oder im Fluss bei den Krokodilen schwimmt, ist er relativ sicher. Das beruhigt mich weitgehend.

Die Lodge verfügt über ein Schwimmbad, Restaurant, eine Bar, mehrere Gästehäuschen und beidseitig einem Campingplatz am Ufer des Flusses. Der eine Campingplatz auf der linken Seite liegt direkt neben der Bar und Rezeption und wird von Überlandtouristenbussen und mehreren Allradfahrzeugen mit Dachzelten benutzt. Rechts der Lodge ist ein Campingplatz mit nur fünf Standplätzen gelegen, welcher einen etwas engeren Zugang hat und ruhiger und gelegen ist. Glücklicherweise können wir uns dort einen Stellplatz auswählen.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit hören wir Geräusche knickender Äste und aufgeregte Rufe aus dem anderen Camp. Neugierig laufen wir entlang dem Schwimmbad durch die Lobby auf die andere Seite der Anlage und sehen sofort, was die Aufregung verursacht. Ein Elefant sucht mit seinem Rüssel die Fahrzeuge und Zelte nach Essbarem ab. Zwei weitere junge Elefanten stöbern dazwischen. Der erwachsene Elefant bewegt sich sorgfältig von einem Fahrzeug zum anderen und inspiziert jedes offen gelassene Fenster. Am Eingang zur Lodge steht ein grosses, unübersehbares Schild mit der Warnung, keine Esswaren im Fahrzeug oder Zelt zu lassen wegen der Elefanten, Paviane und Kapuzineraffen. Zusätzlich wird man beim Einchecken an der Rezeption nochmals darauf hingewiesen. Dummerweise halten sich nicht alle Gäste an die Anweisungen und so finden die Elefanten und Affen immer wieder etwas. Sie werden auf diese Weise konditioniert, sich von unnatürlichem Menschenessen zu ernähren. Auch ist es schon vorgekommen, dass Elefanten, die etwas im Auto riechen aber nicht erreichen konnten, ein Fenster eindrückten oder das Fahrzeug kurzerhand umdrehten, um zu den gewünschten Früchten zu gelangen. Beliebt sei auch, dass sie sich auf ein Auto setzen, um „die Schale zu knacken“. Am Liebsten essen sie Zitrusfrüchte und frisches Gemüse. Nach einiger Aufregung auf Seiten des Autobesitzers mit dem offenen Fenster und den im Auto verstauten Früchten entfernt sich der Dickhäuter unbeirrt gemütlich vermutlich in Richtung Dorf. Dort scheinen die Elefanten ebenfalls fast jede Nacht auf Suche nach Essbarem vorbeizuschauen.

Auf Anregung des Lodgebesitzers hatten wir sämtliches Essen inklusive Kaffee, Zucker und Brot im Kühlschrank meines Wohnwagens verstaut. Der Kühlschrank würde sämtliche Gerüche abdichten, meinte er. Nach einer erfrischenden Dusche im Gebäude, welches rund fünfzig Meter von unserem Wohnwagen entfernt ist, bleiben wir abrupt in der Türöffnung stehen. Die drei Elefanten stehen jetzt um unseren Wohnwagen herum und suchen sämtliche Öffnungen ab. Vlou ist im Wohnwagen und so hoffen wir, dass er sich still verhält. Alles wird sorgfältig betastet und berochen. Der Campingtisch und die Stühle, die Kerzengläser auf dem Tisch, die Kaffeetasse – alles wird betastet, aber nicht verschoben. Mit ihren gigantischen Körpern bewegen sich die Elefanten unglaublich leise und sorgsam. Sie berühren ausser mit ihrem Rüssel keinen einzigen Gegenstand. Erst bei unserem Campingnachbarn wird die gigantische Elefantendame fündig. Dieser hat Campingkisten auf einem Tisch aufgehäuft, welche anscheinend das Interesse der Elefantendame wecken. Kurzerhand wirft sie eine Kiste auf den Boden, welche sich geräuschvoll öffnet und diverse Früchte preisgibt. Welch ein Fehler zu denken, dass ein Elefant wegen einer verschlossenen Plastikkiste den Inhalt nicht riechen könnte! Der Nachbar versucht den Elefanten mit einem glühenden Holzscheit zu verjagen, was ihm nicht gelingt. Unbeirrt wird sämtliches Obst verspiesen. Anschliessend verschwindet der graue Riese so leise wie er aufgetaucht ist. Was für ein Schauspiel!

In der Nacht werde ich wach. Ich liege in meinem Wohnwagen und sehe an der Zeltwand zwischen den Wohnwagenwänden und dem angehobenen Dach riesige, sich bewegende Schatten. George schläft. Ich höre keine Schritte. Die Elefanten sind zurück. Vlou knurrt leise und drohend. Ich deute ihm flüsternd, still zu sein. Vlou sitzt ebenso angespannt wie ich und wartet, während er die Schatten mit seinen Blicken verfolgt. Was für ein Gefühl – nur ein kleiner Stups eines solchen Giganten würde den Wohnwagen problemlos kippen und vermutlich in mehrere Teile zerlegen. Der Wohnwagen besteht nur aus sehr dünnen, leichten Wänden, welche mit ein paar Schrauben am hölzernen Rahmen befestigt sind. Kein Hindernis für Stosszähne. Doch auch jetzt entfernen sich die Giganten geräuschlos und ohne Schaden anzurichten.

Es zeigt sich in den nächsten Tagen, dass die Elefanten jede Nacht vorbeikommen. Manchmal die gleichen drei Elefanten des ersten Abends, manchmal eine grössere Gruppe. George verteilt vorsorglich Cayenne – Pfeffer über den ganzen Wohnwagen. Es zeigt sich jedoch, dass die Elefanten kein Interesse an unserem Haus auf Rädern finden und den Kühlschrankinhalt tatsächlich nicht riechen können. Bald gewöhnen wir uns an die nächtlichen Besuche. Die Elefanten interessieren sich ausschliesslich für Essbares und nicht für die Menschen, welche in der Nacht mit ihren Taschenlampen nervös um sich zündend von ihren Zelten zu den Toilettengebäuden und zurück eilen. Je weniger man sie stört, desto sicherer. Die Mitarbeitenden der Lodge wissen dies und halten sich deshalb meist nur lächelnd in einiger Entfernung auf. Nur wenn sich ein Gast nicht an die Anweisungen hält und gefährliche Situationen entstehen, greifen sie mit Steinschleudern ein. Die Elefanten hassen es, wenn die Steine gegen ihre empfindlichen Ohre geschleudert werden und ziehen dann laut protestierend ab. Nur der Lodge-Besitzer verfügt über ein Gewehr. Am ersten Abend sahen wir ihn barfuss mit dem Gewehr im Hintergrund stehen als die Elefantendame anfing mit ihrem Rüssel ein Fenster hinunterzudrücken. Dies war jedoch die einzige Gelegenheit, als wir ihn damit unterwegs sahen. Vermutlich eher zur Beruhigung der Touristen.

Die erste Fahrt in den South Luangwa Nationalpark unternehmen wir mit einer geführten Safaritour und einem Guide, um den Park und die Wege kennen zu lernen. Wir starten um vier Uhr nachmittags, wenn die Hitze des Tages etwas abnimmt. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Luangwa Fluss an der gegenüberliegenden Seite von unserer Lodge und beobachteten eine riesige Herde mit rund vierzig Elefanten, welche den Fluss in Richtung Dorf überqueren. Die Sonne taucht die Elefanten in ein oranges Licht. Wir geniessen ein Glas Weisswein und Popcorn, während wir das Spektakel beobachten. Ganz am Schluss mit etwas Abstand folgt ein rund sechs jähriger Elefantenjüngling völlig unmotiviert der Herde wie ein halbwüchsiger Teenager. Schmunzelnd denke ich an Ausflüge zurück mit meinen Kindern.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit sehen wir einen Leoparden, welcher seinen Durst an einem kleinen Rinnsal in Mitten einer Grasebene stillte. Unweit davon befindet sich ein Baum, an dessen Wurzeln die Beute, ein gerissenes Impala, halb unter Laub versteckt liegt. Die Beute sahen wir bereits früher bei der Durchfahrt. Zum Glück erspähen wir nun den Leoparden bei der Rückfahrt. Was für ein wunderschönes, athletisches Tier! Etwas später erblicken wir eine Gruppe geschwätziger Zebramangusten (banded mongoose) und eine Kleinfleckenginsterkatze (genet) in einer Baumgabel, dessen geringelter Schwanz auffällig sichtbar hinunterhängt. Nachtsafaris sind spannend, da oft Raubkatzen zu sehen sind. Ich bevorzuge jedoch Morgensafaris, da die Tiere länger und besser sichtbar sind.

An einem der nächsten Tage fahren wir kurz nach Öffnung des Parks um sechs Uhr morgens mit unserem Auto in den Park. Wir haben das Glück, dass wir kurz nachdem wir um die Einfahrt biegen zwei wohlgenährte, wohlig gähnende Hyänen erspähen. Die eine sitzt mit dickem Bauch träge da und die andere liegt ausgestreckt in einer Mulde einer ausgedehnten Grasfläche. Sie schauen beide in eine Richtung als ob sie etwas Interessantes beobachten. Nach rund zehn Minuten erhebt sich eine nach der anderen, wobei sie sich genau vor meinem Auto über den Weg begeben. Die Hyänen haben ein dickes Winterfell und ihre Tupfen tarnen sie gut im Busch. Ihre wolligen, runden Ohren bewegen sich rastlos seitlich vor- und rückwärts und ihre braunen, glanzvollen Augen verfolgen aufmerksam jede Bewegung. Sie gehören zu meinen Favoriten im Busch trotz ihres ungerechtfertigter Weise schlechten Rufes. Nach kurzer Fahrt durch leicht bewaldetes Gebiet erreichen wir eine weitere noch grössere Grasebene, wo ein kleiner Bach hindurchfliesst. Hohe Bäume umrahmen die Mulde und werfen lange Schatten. Wir sehen zahlreiche Geier über einer bestimmten Stelle kreisen, was uns vermuten lässt, dass dort ein Kadaver eines gerissenen Tieres liegt. Wir nähern uns sorgfältig und fahren möglichst nahe an die Kante heran, unter deren Abhang wir das Tier vermuten. Was für ein Anblick! Eine Löwenfamilie mit siebzehn Mitgliedern, vom Jungtier zum Patriarchen mit imposanter Mähne, verspeist einen Büffel. Genauer gesagt, der grössere Teil der Meute liegt bereits sattgefressen ausgestreckt im Gras oder sitzt erschöpft apathisch da. Alle haben dick aufgeblähte Bäuche und bewegen sich nur mühsam über kurze Distanz zum Wasser und zurück oder um einen bequemeren Schlafplatz zu finden. Wir beobachten das Kommen und Gehen über längere Zeit und wir können uns kaum davon losreissen. Die Löwen haben hier ein ideales Jagdgebiet. Die Büffelherden sind riesig und zwischendurch können sie sich einen Snack in Form eines Impalas oder Pukus gönnen.

Als wir losfahren erwarten wir keine weiteren Überraschungen, da wir bereits so grosses Glück hatten. Doch noch bevor es acht Uhr ist, sehen wir einen Leoparden am Wegrand im hohen gelben Gras, der sich langsam in Richtung einer Herde Impala schleicht. Wir können es kaum glauben! Dieser Leopard ist grösser als der letzte, den wir nachts sahen. Vermutlich ist es ein männliches Exemplar. Er bewegt sich lautlos durch das Gebüsch, wobei seine Ohren starr nach vorne in Richtung der Beute weisen. Abrupt bleibt er stehen, nur die weisse Schwanzspitze bewegt sich unruhig hin und her. Nur die unruhige Schwanzspitze zeugt von der inneren Aufregung. Die Beute entfernt sich für zu weit für einen Angriff. Der Leopard setzt sich und blickt unaufhörlich in dieselbe Richtung. Nach rund zehn Minuten entspannt er sich und legt sich einige Meter weiter entfernt ins hohe Gras, womit er sich unserem Sichtfeld entzieht. Dies sind die zwei ereignisreichsten Stunden, welche wir je auf einer Safari verbracht haben.

Die Tage am Luangwa Fluss sind einmalig und unvergesslich. Auf jeder Fahrt in den Nationalpark sehen wir einen Leoparden. Auf jeden 2.5 km2 des South Luangwa Nationalparks hat ein Leopard sein Territorium. So sind Begegnungen mit Leoparden wahrscheinlicher als in anderen Parks. Nur Nashörner und Geparden sieht man hier nicht. Der ganze Park erstreckt sich über 9’050 km2. Der Nord Luangwa Nationalpark ist weniger erschlossen. Hier wurden in den letzten Jahren grosse Anstrengungen in der Wiederansiedlung von Spitzmaulnashörnern und anderen Wildtieren geleistet. Vielleicht werden wir einmal zurückkehren, um auch diesen Teil zu erforschen.

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Author: Marcelle Simone Heller

I'm searching for natural beauty and wilderness, while I'm travelling relentlessly to find delightful places and encounters with wildlife. I try to capture the thrill of the moments in photography and words, hoping to inspire others with the love for animals and nature.

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