Malawi – arm und reich zugleich

Glaubt man den Statistiken ist Malawi das sechst ärmste Land der Welt. Über dreizehn Millionen Menschen leben auf einer Fläche, welche ungefähr um zwei Drittel grösser ist als die Schweiz und mehr als fünfzig Prozent der Bevölkerung ist unter sechszehn Jahren alt. Touristisch attraktiv ist der Malawi See, welcher einen Fünftel des Landes bedeckt und sich durch das ganze Land von Norden nach Süden erstreckt. Sandstrände säumen die Ufer, das Wasser ist klar und reich an Fischen. Sanfte Hügel umgeben den See, welche in der Regenzeit grün und mit zahlreichen Mango-, Baobab- und anderen Bäumen und Sträuchern bewachsen sind. Der Nyika National Park im Norden ist tropisch grün und bergig. Im Süden des Landes erreicht der Mount Mulanje mit dem Sapitwa Peak sogar eine Höhe von 3’002 Metern. Die Naturparks sind weniger bekannt für gute Wildtierbeobachtungen als für ihre raue Schönheit. Nachdem wir die in der Winterzeit staubig trockenen Länder Botswana, Zimbabwe und Sambia bereist haben, freuen wir uns auf eine fruchtbarere Gegend und insbesondere weniger Staub.

Früh morgens vor acht Uhr machen wir uns auf den Weg an die Grenze Sambias zu Malawi. Wir wollen die kühlere Morgenluft nutzen, sollte der Aufenthalt an der Grenze ebenfalls mehrere Stunden dauern wie bereits beim Grenzübergang zu Zimbabwe und Sambia. Schliesslich muss Vlou auch hier wieder im Auto warten bis alle Formalitäten erledigt sind. Auf der Seite Sambias müssen wir einzig unseren Pass ausstempeln lassen, somit können wir sogleich an den Grenzposten von Malawi fahren. Viele Strassenhändler versuchen uns Malawi Kwacha (nicht zu verwechseln mit Zambia Kwacha) gegen Dollar zu verkaufen. Es ist im Reiseführer erwähnt, dass eine Bank an der Grenze vorhanden ist, welche Devisen wechselt oder wo wir zusätzliche Dollar abheben können. Ein grosses Schild der Bank an der Grenze bestätigt uns, dass diese Angabe korrekt sein sollte und so machen wir uns keine Sorgen, genügend Geld dabei zu haben. Wir möchten nicht illegal Devisen direkt neben einer offiziellen Behörde wechseln und allenfalls mit dem Gesetz in Konflikt kommen.

Am Immigrationsschalter im Grenzposten in Malawi zeigt Marcelle ihren Schweizer Pass. George hat einen Südafrikanischen Pass und braucht deshalb für keines der Länder im südlichen Afrika ein Visum. Der Beamte fragt, ob Marcelle wisse, dass sie als Schweizerin ein Visum brauche. Dies bejaht sie. Interessanterweise scheinen die Schweizer eine der wenigen Ausnahmen zu sein, die für Malawi ein Visum brauchen. Wir fragen uns, was für diplomatische Spiele unter den beiden Ländern gespielt werden. Der Beamte holt den Chefbeamten an den Schalter, welcher Marcelle mit einschüchterndem Gehabe darauf aufmerksam macht, dass sie auf der Botschaft in Lusaka, der Hauptstadt am anderen Ende des Landes, ein Empfehlungsschreiben für ein Visum vorgängig hätte beantragen sollen. Diese Information hatten wir nicht vorher und so fragen wir, was denn nun möglich sei. Der Chefbeamte läuft uns forsch voraus und führt uns in ein schäbiges Büro direkt hinter dem Schalter mit fünf Angestellten auf knapp zwölf Quadratmetern. Die Bürostühle sind ausgefranst und halten auch einem kleinen Gewicht kaum Stand. Zwei schäbige Pulte, an einem sitzt eine Beamtin und tippt fleissig irgendwelche Rapporte und das andere gehört offensichtlich dem Chefbeamten, stehen mitten im Raum. Jedes Mal, wenn die Schalterbeamten den Schalter verlassen, um nach draussen zu gehen, müssen sie sich hinter dem Stuhl des Chefbeamten und der Wand hindurchzwängen, wobei der Chefbeamte sich grunzend mit seinem Stuhl nach vorne gegen sein Pult drücken lässt. Wir staunen, weshalb sie nicht einfach die Pulte etwas nach vorne rücken, um mehr Platz für den Durchgang zu haben. Aber manchmal ist es wohl besser, sich nicht zu viele Gedanken zu machen.

Der Chefbeamte bellt grob: „Geld!“ „Wie bitte?“ erwidert Marcelle, vorgebend nicht zu verstehen, was er will. „70 US Dollars für das Visum!“ Sie zahlt die geforderte Summe. Das Geld wandert sogleich in die Gesässtasche des Chefbeamten, was uns nicht sehr zuversichtlich stimmt, dass das Geld in eine offizielle Kasse gelangt. Dann stellt er ihr das Visum aus und murmelt etwas, was sich wie „ausnahmsweise“ anhört und beklebt und stempelt ihren Pass.

Nachdem 70 Dollar teuren Visum stehen weitere Taxen für den Import unseres Land Rovers und den Wohnwagen von 5000 Malawi Kwacha (rund 18 US Dollar) sowie Versicherung in der Höhe von 12’000 Malawischen Kwacha (40 US Dollar) an. Die Importgebühr und die Versicherung können nicht in Dollar und nicht mit Kreditkarte bezahlt werden. Diese Information erhalten wir an jedem Schalter separat, wie jeder Reisende vor uns. Wie einfach wäre eine Kopie mit der Information für jeden Malawi Besucher oder eine Tafel mit den Gebühren. Auf die praktizierte Weise entsteht ein Chaos und Missverständnisse. Die Bank ist mittlerweile – aufgrund des Gebäudezustandes zu beurteilen vermutlich schon seit Monaten – geschlossen, teilt uns der Beamte an der Kasse mit. Damit schwindet unsere Chance, die Gebühren bezahlen zu können. Der Beamte empfiehlt uns allen Ernstes, unsere Dollars bei den Strassenhändlern in Malawi Kwacha zu wechseln. Eine interessante Empfehlung von einem Beamten! Glücklicherweise sind gleichzeitig mit uns Südafrikaner mit drei grossen 4×4 Fahrzeugen und ebenso geländegängigen modernen Anhängern am Schalter und leihen uns von sich aus den fehlenden Betrag. Wir sind stark beeindruckt von der Solidarität und dem Vertrauen, welche sie uns gegenüber als Fremde zeigen. Mit ihrer Adresse in der Tasche und den Angaben für die spätere Rückzahlung machen wir uns auf den Weg zum Schalter der Versicherung, welcher sich kurz nach der Grenze in Malawi in einem Dorf befindet. Überall liegt Abfall herum und zahlreiche Menschen stehen ungerührt dazwischen. Sie sehen wohl genährt aus, nicht als ob ihnen lebenswichtige Nahrung fehlen würde. Es sind erstaunlicherweise viele Menschen gut gekleidet mit Markenartikel wie Puma oder Adidas.

Wir stellen unser Auto mit dem Wohnwagen direkt vor die Versicherungsagentur. Innerhalb weniger Minuten stehen Horden von Kindern an unserem Fenster. „Give me! Give me!“, rufen sie. „Money! … Sweets!“ Offensichtlich sind das die einzigen englischen Worte, die sie sprechen. Rasch ungeduldig werdend fangen sie an mit ihren Händen den Staub vom Auto zu streichen. Irritiert geben wir Ihnen zu verstehen, dass sie aufhören sollen. Auch ohne die Sprache zu verstehen, merken sie, dass wir es ernst meine. Wir bringen den Versicherungskleber an der Windschutzscheibe und an ein Fenster des Wohnwagens an und sind erleichtert, den Ort verlassen zu können.

Die Strassen in Malawi sind vorerst gut und so erreichen wir nach rund eineinhalb Stunden die Hauptstadt Lilongwe, wo wir nach Salima abbiegen müssen. Auch dort sind keine Schilder vorhanden, sodass uns nichts anderes übrig bleibt, als an verschiedenen Tankstellen nach dem Weg zu fragen. Der Weg nach Salima führt über eine hügelige, zur Winterzeit sehr trockene Landschaft. Die Dörfer unterscheiden sich nur wenig von den Dörfern in Sambia, ausser dass die Erde rot ist und einzelne Gemüsegärten zwischen den Häusern unterhalten werden. Für die Bedachungen der hier mehrheitlich eckigen Häuser aus roten, gebrannten Ziegelsteinen wird langes, getrocknetes Gras benutzt. Die Dächer machen einen undichten, unaufgeräumten Eindruck und viele Mauern sind nur halbdicht oder die Hütten halbfertig. Trotzdem wohnen Menschen darin. Was auffällt sind die sehr schönen Möbel, welche aus Naturmaterialien wie Gras und Bambus gefertigt und am Strassenrand verkauft werden. Ganze Sitzgruppen mit Tischen sowie Gestelle und Töpfe sind sorgfältig gewoben worden. Mit Sicherheit nur für den Verkauf an nicht in Hütten hausende Personen bestimmt, da die durchschnittliche Grösse einer traditionellen Hütte keinen Platz für Stühle, Tische oder Betten hat. Es wundert uns, weshalb die Hütten nicht etwas grösser gebaut werden, davon ausgehend, dass eine durchschnittliche Familie mehr als sechs Mitglieder hat.

In Salima halten wir Ausschau nach der Abzweigung zur „Wheelhouse Lodge“ direkt am Malawi See. Doch auch hier kommen wir nur mit Hilfe von Nachfragen auf Umwegen zum Ziel, da kein Hinweisschild auf die Lodge aufmerksam macht. Die Fahrt über eine holprige, ungeteerte Strasse mit mehreren Baustellen lohnt sich. Nachdem wir unseren Wohnwagen mit direkter Aussicht auf den See unter mächtige Baumkronen geparkt habe, können wir im warmen Wasser des Sees entlang des menschenleeren Strandes waten und den typisch afrikanischen, intensiv roten Sonnenuntergang geniessen.

Die Besitzer der Lodge sind Engländer, welche seit Generationen in Malawi wohnen. Die Anlage ist leider schlecht unterhalten, sodass am einen Tag kein Strom und am anderen Tag kein warmes Wasser vorhanden ist. Neun recht grosse Mischlingshunde laufen frei umher, was zu Beginn eine Herausforderung ist, bis sie einen Abstand zum Wohnwagen und Vlou akzeptieren. Einige Ruinen stehen auf dem Anwesen, wobei sogar die Küche in einer dieser Ruinen eingerichtet wurde. In den Garagen, welche den Weg zum Eingang säumen, stehen uralte Boote und halb zerfallene Autos. Die Angestellten scheinen zum Teil hinter der WC-Anlage in Zelten zu wohnen. Sie benützen die Duschen und Toiletten der Campinggäste ebenfalls, wodurch die sanitären Anlagen recht unsauber sind. Der Strand, die Strandbar und die Miethäuschen sind jedoch in Ordnung. Eine Gruppe amerikanischer Soldaten ist in den Häuschen einquartiert. Sie arbeiten den Tag über in einer Militärkaserne und sind auch abends weitgehend an ihren Computern beschäftigt. Einer hilft Marcelle, ihren Computer mit dem lokalen Netzwerk zu verbinden. Es ist eine Herausforderung sein breites Amerikanisch zu verstehen. Er ist vom Staat Indiana in den USA.

Abends unterhalten wir uns mit dem Barmann Charles, welcher unweit der Lodge im Dorf mit sieben weiteren Familienmitgliedern in einer traditionellen Hütte wohnt. Er ist uns aufgefallen, da er äusserst schnell Währungen im Kopf umrechnen kann und einen intelligenten, sehr freundlichen Eindruck macht. Bereitwillig erzählt er aus dem Leben einer typisch malawischen Familie. Er und seine fünf Geschwister besuchten die Primarschule und die Sekundarschule. Dies ist nicht selbstverständlich, da für die Sekundarschule Schulgeld bezahlt werden muss, was in vielen Haushalten nicht möglich ist. Deshalb sind viele Teenager unbeschäftigt und arbeitslos. Er hätte gerne Medizin studiert, aber die Universität ist zu teuer für die Familie. Nach den Essensgewohnheiten gefragt erzählt er, dass dreimal täglich warm gegessen wird und die Speise meist aus „Pap“ – einem Maisbrei, besteht. Süsskartoffeln oder Reis gehören ebenfalls zum Speiseplan. Frisches Gemüse wird soweit möglich im hauseigenen Garten angebaut. Fisch steht rund zweimal pro Woche auf dem Speiseplan und manchmal Pouletfleisch. Was denn sein Lebenstraum ist, fragen wir nach. Er hätte gerne eine kleine Familie mit zwei Kindern und möchte als Kleinbauer auf einem grösseren Stück Land arbeiten. Er erzählt, dass in der traditionellen malawischen Familienstruktur der Onkel für die Kinder wichtiger ist als der Vater und dieser eine führende Rolle in Entscheidungs- und Verantwortungsfragen übernimmt.

Viele lokale Händler versuchen einem ihre Ware zu verkaufen und gelangen auf den Campingplatz, um ihr Glück zu versuchen. Ein junger Mann, Peter, offeriert sein Boot und seine Dienste, um auf eine Insel unweit der Küste zu gelangen. Wir bieten ihm den halben Preis für sein Angebot und so fahren wir am nächsten Tag mit einem alten, vielfach reparierten grünen Holzboot mit langsamem Motor zur Insel. Vlou hat einen etwas unsicheren Stand auf dem schaukelnden Boot. Doch schon bald gewöhnt er sich daran. Kaum auf der Insel angelangt, springt er freudig an Land und erkundet mit uns die Felsen bis zur Spitze. Von hier aus hat man einen weiten Überblick über die Küste und die vielen Lodges und Fischfarmen entlang dem Wasser. Es ist heiss und so geniessen wir das klare Wasser mit Schnorchel und Taucherbrille und beobachte die zahlreichen kleinen, farbigen Fische. Nach einer kleinen Zwischenverpflegung, wobei Peter und seine beiden Begleiter ebenfalls von unserem selbst gebackenen, süssen Brötchen profitieren, machen wir uns auf den Rückweg. Der Wind ist aufgekommen und die Sonne verschwindet hinter Wolken, sodass es angenehm kühl ist.

Nach einigen Tagen entscheiden wir uns entlang des Sees weiter nach Norden zu einer Lodge zu fahren, welche in einem südafrikanischen Reisemagazin als besonders idyllisch empfohlen wurde. Wir biegen in Salima nach Norden ab und fahren durch zahlreiche kleine belebte Dörfer. An einer Stelle unterbricht ein unerwartet grosses Schlagloch die Strasse, wobei Marcelle den Wagen nicht rechtzeitig vorher abbremsen kann. Zum Glück überleben die Reifen unbeschadet. Nach Nkotakota sehen wir einen Lastwagen am rechten Strassenrand quer liegend, der seine Ladung verloren hat. Kurz nachher einen anderen, der vollständig kopfüber gedreht und dessen Fahrerkabine völlig eingedrückt ist. Der Fahrer kann dies kaum überlebt haben. Der Unfall muss bereits einige Zeit her sein. Keine Schilder warnen vor der Unfallstelle. Nur die üblichen abgebrochenen Äste lassen einen ahnen, dass hinter der Kurve möglicherweise eine Hindernis ist. In Dwangwa erreichen wir eine Tankstelle, wo wir etwas Milch und Brot kaufen können. Nach insgesamt rund 300 Kilometern seit unserer Abfahrt erreichen wir am späteren Nachmittag Chentheche mit der Makutsi Beach Lodge. Es ist gut hierher gekommen zu sein. Der Campingplatz ist der schönste, den wir bisher während unseren Reisen in Afrika gesehen haben. Wir stellen unseren Wohnwagen auf eine Anhöhe mit direkter Sicht auf den sauberen weissen Strand. Grünes Gras mit Palmen und anderen üppigen Pflanzen geben der Anlage ein tropisches Flair. Kleine, gut unterhaltene Pfade verbinden die Gebäude und Blumen spriessen entlang den Mauern, obwohl es auch hier noch Winter ist. Mehrere Kanus und Schnorchelausrüstungen stehen gratis zur Verfügung und ein Motorboot kann für nur fünf Dollar gemietet werden.

Wir werden uns demnächst entscheiden müssen, ob wir weiter nach Norden reisen und Tansania und Kenia besuchen sollen. Die Eintrittspreise zu den Nationalparks sind jedoch sehr hoch und die Distanzen weit. Auch sind die Lebenshaltungskosten überall höher als in Südafrika. Eine andere Option ist über Mozambique zurück nach Südafrika zu reisen. Die Strassen in Mozambique sind durchwegs sehr schlecht bis auf die touristische Küstenstrasse im Süden. Ausserdem gibt es immer wieder Unruhen der Opposition gegenüber der Regierung. Anscheinend ist die Polizei schnell mit dem Bussen verteilen. Verschiedene reflektierende Kleber sind für das Auto und den Wohnwagen vorgeschrieben, die wir vorher auftreiben müssten. Sie werden natürlich nicht an der Grenze zu Mozambique verkauft, was naheliegend sein würde. Eine gute Option ist auch die Rückreise über Zambia mit einem ausgedehnten Besuch des Leoparden reichen South Luangwa Nationalparks und Weiterreise durch den Caprivi Strip nach Namibia.

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Author: Marcelle Simone Heller

I’m searching for natural beauty and wilderness, while I’m travelling relentlessly to find delightful places and encounters with wildlife. I try to capture the thrill of the moments in photography and words, hoping to inspire others with the love for animals and nature.

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